Europa als Bildungsaufgabe

Als mindestens ebenso große Herausforderung wie die Aufgabe der Integration erweist sich der Zustand der Europäischen Union. Spätestens die Brexit-Diskussion und die dann getroffenen Entscheidungen haben uns allen offenbart, dass wir weitestgehend vergessen haben, wozu die Europäische Union eigentlich nütze ist.

Die wahrhaft historische Leistung der Befriedung Europas überzeugt uns nicht mehr, weil wir uns an den mehr als angenehmen Frieden schon nach gut siebzig Jahren als selbstverständlich gewöhnt haben. Und die zweite große Leistung des wirtschaftlichen Wohlstands fällt als rechtfertigende Leistung neuerdings aus, weil sie durch die Finanzkrise in erhebliche Zweifel geraten ist.

Andererseits liegt die zentrale Rechtfertigung der Europäischen Union doch auf der Hand: Insbesondere das Finanzsystem, die Wirtschaft und die Technik, aber auch andere gesellschaftliche Funktionssysteme entziehen sich in ihren Wirkungen immer mehr der Reichweite nationalstaatlicher Regelungs- und Steuerungsmöglichkeiten. Vor allem in ihren Auswirkungen auf ihre jeweilige gesellschaftliche Umwelt und nicht zuletzt auch auf die natürliche Umwelt. Deshalb bedarf es zunehmend transnationaler, internationaler Regelung und Steuerung. Vor diesem Hintergrund erweist sich die Europäische Union als ein notwendiger Zwischenschritt auf dem richtigen Weg – und erweisen sich Exit-Hoffnungen, zur Nationalstaatlichkeit zurückkehren zu können, als Illusion.

Wenn es aber gar nicht der rechtfertigende Zweck ist, woran fehlt es hinsichtlich der Europäischen Union und Europa dann? – Zum einen offensichtlich an unserem Sinn für Selbstverständlichkeit bzw. Unwahrscheinlichkeit. Frieden zwischen den Staaten der EU, Frieden in Europa insgesamt ist nicht selbstverständlich. Aus historischer Perspektive war und ist er eher unwahrscheinlich, und deshalb eine permanente Leistung. Dieser (langfristige) Nutzen rechtfertigt (kurzfristige) Kosten und (kurzfristigen) Verzicht. Zu dieser Einsicht kann jedoch nur gelangen, wer über einen Zugang zu der historischen Dimension des Projekts Europa die Funktionsweise der EU versteht und die Entwicklungsnotwendigkeiten Europas einschätzen kann. Deshalb ist Europa wesentlich auch eine Bildungsaufgabe.

Aber nicht nur deshalb. Spätestens die europäische Flüchtlingskrise zwingt uns zu der Erkenntnis, dass es uns in Europa an der Bereitschaft zu – eigenen Verzicht einschließender – Solidarität zwischen den europäischen Staaten und zwischen allen Unionsbürgern fehlt. Ohne diese Solidarität wird es aber auch angesichts der in den europäischen Ländern (noch) vorhandenen Unterschiedlichkeit der Lebensbedingungen und Lebensverhältnisse nicht gehen.

Auch Solidarität muss und kann man lernen. Sie beginnt mit gegenseitiger Verständigung und verdankt sich gegenseitigem Verständnis.

 
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