Lernen, was Europa zusammenhält
Interview mit Berthold Hübers, Leiter der Nationalen Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung
26.01.2026
Erasmus+ vereint seit 2014 verschiedene Bildungsbereiche unter einem Dach. Was hat sich dadurch für die Erwachsenenbildung verändert?
Erasmus+ hat die Erwachsenenbildung in Europa deutlich gestärkt. Früher lief sie unter dem Namen „Grundtvig“, doch unter dem gemeinsamen Dach ist die Sichtbarkeit heute viel größer. Erasmus+ ist eine starke Marke und die Erwachsenenbildung profitiert davon. Außerdem stehen durch das einheitliche Programm mehr finanzielle Mittel zur Verfügung, als es für einen einzelnen Bildungsbereich möglich wäre.
Welche Ziele verfolgt Erasmus+ grundsätzlich?
Wir bauen am gemeinsamen Bildungsraum Europa, das ist die große Idee. Das bedeutet, individuelle Lernchancen zu eröffnen, aber auch Institutionen in ihrer internationalen Ausrichtung zu stärken und auf systemischer Ebene Veränderungen anzustoßen. Menschen lernen voneinander, wenn sie zusammenarbeiten und gemeinsame Erfahrungen machen, bei Projekten, Partnerschaften, Job Shadowings. Das ermöglicht der Bereich „Mobilität“ des Erasmus+-Programms.
Und welche Rolle spielt dabei die Demokratiebildung?
Die Demokratiebildung hat aus meiner Sicht eine wirklich bemerkenswerte Karriere in Erasmus+ hingelegt. Begriffe wie „Active Citizenship“ und „Participation“ rücken künftig stärker in den Mittelpunkt. Angesichts der aktuellen politischen Spannungen in Europa wird deutlich, dass demokratische Kompetenzen keine Selbstverständlichkeit mehr sind. Man merkt einfach, dass ein demokratischer Habitus, den wir bisher voraussetzen konnten, so nicht mehr gegeben ist. Deshalb fördert Erasmus+ heute gezielt politische Bildung und kritisches Denken.
Welche Erfolge sehen Sie aktuell in der Erwachsenenbildung?
In Deutschland haben wir eine gute und lange Tradition der Volksbildung und der Erwachsenenbildung, in Skandinavien ebenso. In Teilen Süd- und Osteuropas hingegen ist ein kohärentes System der Erwachsenenbildung mit eigenständiger Didaktik nicht gegeben. Umso wichtiger ist es, ein europäisches Programm zu haben, das diesen Sektor anerkennt und eigenständig fördert. Erasmus+ hat ihn europaweit sichtbar gemacht. In Deutschland hat Erasmus+ wesentlich dazu beigetragen, internationale Kooperationen zu ermöglichen und zu finanzieren.
Wo liegen hier die größten Herausforderungen?
Die Erwachsenenbildung ist frei und flexibel, muss aber ständig um Finanzierung und Strukturen ringen. In vielen Ländern fehlt eine stabile institutionelle Basis, was die Partnersuche im Ausland erschwert. Auch für deutsche Volkshochschulen beispielsweise ist es nicht so leicht, Partner im europäischen Ausland zu identifizieren, mit denen man bestimmte Projekte durchführen kann.
Welche Rolle spielen die Volkshochschulen in der deutschen Erasmus-Strategie, insbesondere für Auslandsaufenthalte?
Volkshochschulen sind ein zentraler, bislang aber noch nicht voll ausgeschöpfter Partner im Erasmus-Programm. Gerade im Bereich der Mobilität stehen mehr Fördermittel bereit als genutzt werden. Dabei kann Erasmus+ genau jene Menschen erreichen, die sonst kaum Zugang zu internationalen Lernerfahrungen haben. Darin liegt die Herausforderung und zugleich die große Chance für Volkshochschulen, wie die guten Erfahrungen der letzten Jahre zeigen. Mit ihrer flächendeckenden Struktur und Nähe zu den Lernenden können Volkshochschulen den europäischen Austausch auf besondere Weise unterstützen.
Welche Vorteile bringt Erasmus+ für Einrichtungen und Teilnehmende?
Der größte Mehrwert für Volkshochschulen entsteht, wenn Erasmus+ als Teil der strategischen Weiterentwicklung verstanden wird und nicht als Zusatzaufgabe. Was sind die Zukunftsfragen, mit denen wir uns ohnehin beschäftigen müssen und die auch unsere Lernenden umtreiben? Wie qualifizieren wir unsere Mitarbeitenden weiter? Wie verbessern wir unser Qualitätsmanagement? Solche Themen lassen sich im europäischen Austausch oft besser bearbeiten. Außerdem wird die Weiterbildung des Personals aus EU-Mitteln gefördert – eine wertvolle Unterstützung. Studien zeigen auch, dass 95 Prozent der Erasmus+-Projekte ohne Erasmus+-Finanzierung gar nicht möglich gewesen wären.
Noch eine kurze Frage zum Thema Digitalisierung: In Erasmus+ gibt es zunehmend auch digitale Lern- und Austauschformate. Wie stehen Sie dazu?
Digitale Formate sind ein wichtiger Bestandteil von Erasmus+. Sie erleichtern Kooperation, Vorbereitung und Nachbereitung. Aber bei aller digitalen Entwicklung bleibt der Kern des Programms die persönliche Begegnung. Europäisches Lernen bedeutet, das eigene Umfeld zu verlassen, andere Kulturen und Denkweisen unmittelbar zu erleben – in einem Maß, das zur eigenen Lebenssituation passt. Diese Erfahrung der realen Begegnung, der Irritation und des Perspektivwechsels kann kein digitales Format vollständig ersetzen. Genau darin liegt die besondere Stärke von Erasmus+.
Dann können wir jetzt in die Zukunft schauen. Welche Veränderungen oder Weiterentwicklungen plant denn das Erasmus+-Programm?
Für die Volkshochschulen gibt es gute Nachrichten: Nach aktuellem Stand wird das Erasmus+-Programm ab 2028 weitgehend in seiner bewährten Form fortgeführt. Das bedeutet Planungssicherheit für Einrichtungen, die bereits europäisch aktiv sind – und neue Chancen für jene, die den Schritt erst noch gehen wollen.
Die bekannten Fördermöglichkeiten sollen erhalten bleiben, und die Schwerpunkte – etwa politische Bildung, gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion – passen hervorragend zum Selbstverständnis der Volkshochschulen. Auch finanziell sieht es stabil aus: Die EU plant eine deutliche Aufstockung des Budgets.
Kurz gesagt: Wer als Volkshochschule auf europäische Kooperation setzt, kann das auch in Zukunft mit Rückenwind tun.
Zusatzinfos
Was ist Erasmus+? Erasmus+ ist das Bildungsprogramm der Europäischen Union (EU). Es fördert Lernen und Zusammenarbeit in Europa in den Bereichen Bildung, Jugend und Sport. Seit über 35 Jahren steht es auch für Frieden und Verständigung. Ziel ist ein inklusives, grünes und digitales Europa. Die Europäische Union ermöglicht mit Erasmus+ Auslandsaufenthalte und unterstützt Menschen in Europa dabei, interkulturelle Kompetenzen zu erwerben und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen.
Was macht die Nationale Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung? Die Nationale Agentur (NA) beim BIBB besteht seit 2000 und arbeitet im Auftrag sowie mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Sie ist eine der vier Agenturen, die in Deutschland das europäische Programm Erasmus+ (2021–2027) für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport betreuen. Die NA beim BIBB setzt das Programm in Deutschland insbesondere im Bereich der Berufsbildung und Erwachsenenbildung um.
Mehr Infos:
vhs info 1/2026 zum Download
EU-Projektberatung beim Volkshochschulverband BW
Fortbildungsübersicht
European School Education Platform
EPALE – elektronische Plattform für Erwachsenenbildung in Europa
Erasmus+ fördert Lernen und Zusammenarbeit in Europa und steht für Frieden und Verständigung. (Bild: istockphoto.com/franckreporter)


