Offenburger Erklärung des Volkshochschulverbandes Baden-Württemberg anlässlich seiner Jubiläumstagung am 8. Juli 2022

Demokratie verantwortlich gestalten – Freiheit gemeinsam leben

08.07.2022

Der Krieg Russlands in der Ukraine und die daraus entstehende politische und wirtschaftliche Unsicherheit sowie die Corona-Pandemie und ihre Folgen setzen unsere Gesellschaft aktuell weiter unter Druck. Meinungsunterschiede werden stärker, die Gesellschaft droht immer wieder sich zu spalten, Populist*innen und scheinbar einfache Lösungen erhalten hohe Zustimmung. Nicht nur in den sozialen Medien bilden sich Filterblasen und parallele Öffentlichkeiten, in denen anderslautende Meinungen kein Gehör mehr finden. Demokratie, Frieden und Freiheit waren lange Zeit selbstverständlich und wurden nicht mehr reflektiert – und nun fehlen uns in einer Zeit, in der Demokratie und Freiheit herausgefordert werden, überzeugende Antworten. Fast ein Viertel der Bundesbürger*innen hegt Zweifel an der Demokratie in Deutschland.

Demokratie muss von jeder Generation neu gelernt, ausgehandelt und gestaltet werden. Demokratie setzt den*die selbstbestimmt handelnde*n mündige*n Bürger*in voraus. Deshalb ist eine zentrale Antwort auf die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen Bildung: Eine Bildung, die Begegnungen ermöglicht, zum Nachdenken und zur Selbstreflexion anregt und die demokratische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen, Argumenten und Interessen fördert. Demokratiemüdigkeit geht häufig einher mit Gefühlen der Resignation darüber, dass bestimmte, für wichtig erachtete Interessen zu wenig wahrgenommen und zu wenig artikuliert werden. Bildung ist hier gefordert, sie kann politische Diskussionsräume öffnen, in denen Menschen ihre Interessen und Positionen auf demokratische Weise artikulieren und über unterschiedliche Alternativen und Positionen miteinander diskutieren können.

Demokratie und Freiheit sind einerseits untrennbar miteinander verbunden und stehen andererseits im Widerstreit: Demokratie ist die Voraussetzung für Freiheit und grenzt diese zugleich ein. Denn die durch Demokratie ermöglichte Freiheit geht nie nur den*die einzelne*n an, sondern hat immer auch Auswirkungen auf die Gesellschaft. Wie wir in Zukunft leben wollen, ist keine individuelle oder private Entscheidung: Unser politisches Handeln und unser Lebensstil wirken sich direkt auf unser Umfeld und die Welt aus – sei es etwa beim CO2-Ausstoß, bei der Aufrüstung oder beim Verhalten in der Pandemie. Daher sind gesellschaftliche und politische Diskussionen und Aushandlungen wesentlich für die Verwirklichung von Demokratie und Freiheit.

Grundlage für demokratische Aushandlungsprozesse muss eine ganzheitliche Bildung sein, die geistige, emotionale sowie inter- bzw. transkulturelle Kompetenzen umfasst. Eine zukunftsfähige Erwachsenenbildung vermittelt – aufbauend auf einer soliden Grundbildung – also etwa die Fähigkeit zur Orientierung in der Informationsflut. Sie leistet dies sowohl mit kognitiven Strategien als auch durch die Handhabung moderner Technik, sie vermittelt Kommunikationsfähigkeit, auch über geografische und kulturelle Grenzen hinweg, sie schafft das Bewusstsein für politische, geschichtliche und kulturelle Zusammenhänge, sie entwickelt die Fähigkeit zu kritischer Distanznahme und sie schärft die Urteilskraft. Eine derartige Allgemeinbildung gehört zu den Kernaufgaben der Weiterbildung an den Volkshochschulen.

Mit dem Auftrag „Bildung für Alle“ steht die Volkshochschule als parteipolitisch neutraler Ort der Bildung und Begegnung für Offenheit und Vielfalt. Die Volkshochschule bietet Begegnungs- und Bildungsräume für den gesellschaftlichen Diskurs – aber immer nur im Rahmen der demokratischen Grundordnung und der Aufklärung. Antidemokratischen, extremistischen und populistischen Äußerungen jenseits des Grundgesetzes bietet sie keinen Raum.

Die Vermittlung von zukunftsfähiger Allgemeinbildung, die Befähigung zum Diskurs und das Einüben des Diskurses sind somit notwendige und zentrale Beiträge, damit Demokratie verantwortlich gestaltet und Freiheit gemeinsam gelebt werden kann. In einer durch Vielfalt und Diversität bestimmten Gesellschaft integriert der Diskurs, weil er Gewalt verhindert und dem Ausgleich der Interessen wie der Verständigung eine Chance gibt. Indem Volkshochschulen Räume für Diskussion und Auseinandersetzung bieten und Menschen zum Diskurs befähigen, stärken sie unmittelbar eine demokratische Kultur, die zu den Voraussetzungen für das Funktionieren unserer rechtstaatlichen Demokratie gehört und die Grundlage für einen gelingenden gesellschaftlichen Zusammenhalt bildet.

Demokratiebildung erfüllt eine öffentliche Aufgabe, die für die Akzeptanz, Stabilität und Zukunft des politisch-gesellschaftlichen Systems von grundlegender Bedeutung ist. Sie trägt dazu bei, dass unsere Verfassung und ihre demokratischen und rechtsstaatlichen Strukturen mit Leben gefüllt werden. Demokratiebildung darf nicht als „Feuerwehr“ bei akuter Gefährdung der Demokratie verstanden werden, sondern sie muss fester Bestandteil der politischen Kultur sein und benötigt dauerhafte sowie verlässliche Rahmenbedingungen.

© 2022 Volkshochschulverband Baden-Württemberg e.V.